Marinus van Aalst

Eröffnungsrede
gehalten am 2.4.06

Ich denke, ich brauche Ihnen Marinus van Aalst nicht groß vorstellen. Er lebt und arbeitet seit vielen Jahren in Böblingen und hatte hier in der Region bereits zahlreiche Ausstellungen. Vielleicht haben Sie vor fünf Jahren seine Installation "Tunnelstücke" in der Galerie Contact gesehen, vielleicht haben Sie auch vor drei Jahren sein "Honigbrothaus" auf dem Venusberg besucht. Ganz sicher aber sind Sie schon an seinen zwölf "Stadt-Sitz-Zeichen" am Böblinger Busbahnhof vorbei gekommen. Wenn Sie nur diese Installation am Busbahnhof von Marinus van Aalst kennen, sind sie heute möglicherweise überrascht. Der Kontrast könnte kaum größer sein. Während die zwölf, über vier Meter hohen "Stadt-Sitz-Zeichen" als buntfarbige, auf ein Haus-Schema reduzierte Zeichen heftig um die Aufmerksamkeit der Passanten buhlen, scheinen die sowohl in ihrer Farbigkeit, als auch in ihrer räumlichern Ausdehnung sehr reduzierten Exponate dieser für das Alte Maichinger Rathaus konzipierten Installation geradezu in sich versunken zu sein.

Den Vorwurf, zu laut oder effekthascherisch daher zu kommen, wird diese Ausstellung sicherlich nicht abbekommen. "Schön" im Sinne von "ästhetisch" ist sie auch nicht. Aufgrund der spürbaren Ernsthaftigkeit und der politischen und gesellschaftskritischen Aufgeladenheit der Exponate markiert die Installation einen neuen Aspekt im von mir kuratierten Ausstellungsprogramm der letzten sechs Jahre. Was sie dann aber doch mit der Installation am Böblinger Busbahnhof verbindet, ist ihre "Unbequemlichkeit". Wenn Sie sich auf eines der "Stadt-Sitz-Zeichen" setzen, wird sich Ihr Körper unbequem fühlen hier im Alten Maichinger Rathaus fühlt sich Ihr Geist unbequem.

Von Paul Valéry stammt das Zitat "Finden ist nichts. Das Schwere ist, sich das Gefundene anzuverwandeln". Marinus van Aalst hat die Bestandteile seiner Installation "Paletten" nicht nur gefunden, sondern sich auch "anverwandelt" - zunächst auf einer schlicht materiellen, aber auch auf einer quasi geistigen Ebene. Er hat in den Jahren 2000 und 2001 intensiv das Gelände des ehemaligen Flughafengeländes erkundet, nach Relikten der einstigen militärischen Nutzung abgesucht und die Fundstücke in sein sogenanntes "Archiv A30" (Marinus van Aalst wohnt in der Achalmstr.30) aufgenommen.

Aufgrund ihrer sichtbaren Gebrauchsspuren erzählen die Fundstücke individuelle Geschichten von ihrer einstigen Nutzung, von Krieg und Frieden, von Herrschaft und Zwangsarbeit, von Lust und Leid. Auf 28 hölzerne, 13 mal 17 Zentimeter große Paletten im Alten Maichinger Rathaus aufgebahrt, changieren die Exponate zwischen transportablem Gemeingut, wissenschaftlicher Dokumentation und individueller Mythologie. An jedem, auf Stahlstiften frei in den Raum ragenden Fundstück ist - wie an offiziellen Fundsachen oder auch an den Toten in der Leichenhalle - ein Schildchen mit den Angaben zum Fundort und dem Funddatum befestigt. Über den Fundstücken baumeln durchnummerierte Täfelchen an der Wand.

Die Fundstücke werden wir kostbare Preziosen einzeln auf Displays präsentiert. Das dafür benutzte Material dagegen ist ärmlich, verschlissen und dreckig. Die Fundstücke selbst sind beschädigt, verletzt. Halb verwitterte Briefumschläge, Schreibmaschinen-Durchschlagpapiere, durchlöcherte Leinen-Säcke, mit Wachs übergossene Verpackungsmaterialien, Kautschuk-Lappen, Rosshaar-Decken und Bruchstücke von Munitionskisten und zerbrochenen Ziegelsteinen sind von verrostetem Draht, mit dem sie zum handlichen Päckchen gebunden sind, eingesperrt, ja regelrecht stranguliert. Manche weißen menschliche Gebrauchsspuren auf, andere wurden mit Militärstempeln, die Marinus van Aalst auch vor Ort gefunden hat, zum Beispiel mit dem Aufdruck "Condition Code" oder "recommend approval" individualisiert. So sind die Fundstücke auch Stellvertreter, Platzhalter für die Einzelschicksale vor Ort.

Dass während des Zweiten Weltkriegs auf dem Flughafengelände Hunderte Zwangsarbeiter arbeiten mussten, wurde nie an die große Glocke gehängt, an die kleine auch nicht. Diese Tatsache wurde bisher in keinem Buch erwähnt und in keiner Ausstellung thematisiert.

Eine besondere, emotionale Aufladung bekommen die Exponate durch die Tatsache, dass Marinus van Aalsts heute 86-jähriger Vater in den Jahren 1942 bis 1945 als Zwangsarbeiter im Böblinger Flughafen arbeitete und somit einen Teil der Exponate theoretisch selbst in der Hand gehalten hat. Mit Skizzenbuch-Eintragungen wie "Bei der Feldarbeit hatte ich ein beklemmendes Gefühl. Stand ich hier, wo mein Vater stand?", die an dünnen Drähten unter den Exponaten baumeln, weist der Künstler auf diesen Sachverhalt hin.

"Mich interessiert das Liegengelassene, das Unerkannte, das in seiner Armut eine Schönheit erlangt", ist auf einer Notizblock-Seite zu lesen. Auf einer anderen steht: "Ein Kunstwerk muss eine gewisse Undefiniertheit haben, damit jeder daran seine eigene Geschichten, seine eigenen Erinnerungen festmachen kann". Die Offenheit der Exponate lässt bei den Besuchern eine Vielzahl an Gefühlen und Assoziationen zu - abhängig von deren Erfahrungen und momentanen Stimmungen. Die ebenso morbide wie poetische Atmosphäre und die düstere Beleuchtung rufen bei manchen Besuchern möglicherweise Erinnerungen an Katakomben, oder auch an Installationen von Christian Boltanski und Joseph Beuys wach.

Beuys ist überhaupt ein schönes Stichwort. Schließlich war es Joseph Beuys, der Marinus van Aalst quasi zur Kunst brachte. Denn im zarten Alter von 14 Jahren machte Marinus van Aalst im Städtischen Feierraum Böblingen, in der überwiegend Beuys' Zeichnungen zu sehen waren, Aufsicht - und wurde durch sie zum künstlerischen Arbeiten motiviert.

Ich mag ja eigentlich Vergleiche mit anderen Künstlern überhaupt nicht. Der Zufall ist aber schuld, dass ich vor wenigen Tagen an einem Vortrag von Reinhard Strüber über Beuys und an seiner Führung durch den Beuys-Raum der Staatgalerie teilgenommen habe. Und ich muss sagen: In der Ernsthaftigkeit der Aussage, der eindrücklich vorgeführten Endlichkeit, dem Vanitas-Charakter der Installation, der Farbigkeit und dem Geruch der Exponate kann man da durchaus Verbindungen knüpfen - wenn man will, oder meint, zu wollen.

Nicht vergessen möchte ich die zwei weiteren Bestandteile der Installation: Ein entmantelter, in die Jahre gekommener Dia-Projektor wirft das lila Bild eines belichteten Mikrofilms (Fachleute sprechen hier von einem Mikrofiche) an die Wand und verweist auf die Archivierungs- und Katalogisierungs-Möglichkeiten von Objekten - und stellt mit seinem Betriebs-Geräusch den akustischen Beitrag zum optischen, haptischen (Sie dürfen die Exponate auch vorsichtig berühren) und geruchsintensiven (Sie dürfen an den Exponate gerne auch riechen) Gesamtkunstwerk dar.

Draußen im Gang der Galerie hängen 16 zwischen alte Fensterscheiben eingeschlossene Schwarz-Weiß-Fotografien der inzwischen abgerissen Gebäude, teils mit Zahlen oder einem roten Kreuz markiert und somit als Todeskandidaten markiert. Auf der Luftaufnahme, die als Motiv der Einladungskarte diente, sind die in den letzten beiden Jahren abgerissenen Gebäude durch einen Klebestreifen ersetzt.

Die meisten Fotos waren als Fotodokumentation ursprünglich Teil eines Nutzungskonzept zur Erhaltung und kulturellen Nutzung der ehemaligen Lager-, Instandsetzungs- und Empfangshalle, das Marinus van Aalst der Stadt 2004 vorgelegt hat. Doch es sollte anders kommen…Wie Sie vielleicht wissen, soll in den nächsten Jahren auf dem Gelände ein Oldtimer-Museum, ein Hotel, ein Restaurant, vielleicht auch eine Shopping-Mall und ein Büro-Komplex entstehen. Die Spuren der Vergangenheit werden damit weitestgehend beseitigt. Insofern ist diese Ausstellung vielleicht die letzte Möglichkeit, ein Stück Authentizität und Geschichte durch Geschichten zu erleben, bevor sie unter den Teppich gekehrt wird.

Der Künstler ist anwesend und steht Ihnen für Fragen zur Verfügung. Sollten Sie sich heute nicht trauen, so haben Sie auch am 23. April Gelegenheit zum Nachhaken, wenn Marinus van Aalst und ich zum Künstlergespräch bitten. Vor dem Künstlergespräch wird Dr. Valerie Hammerbacher einen Dia-Vortrag mit dem Titel "Moderne im Anflug" halten und sich - ausgehend vom ehemaligen Empfangsgebäude des Böblinger Flughafens - mit dem "Neuen Bauen" in Süddeutschland beschäftigen. Dieser Programmpunkt, der sich kurzfristig ergeben hat, motiviert Sie vielleicht, am 23. April um 11:30 Uhr noch einmal wiederzukommen oder weitere Interessierte hier her zu schicken. Sollten Sie selbst über Bild- oder Informationsmaterial zum alten Böblinger Flughafen verfügen, dürfen Sie gerne mit Frau Hammerbacher (Tel. 0179/61 09 497, valerie_hammerbacher@web.de ) Kotakt aufnehmen.

Marko Schacher

>> Home      >> Fenster schließen