Marinus van Aalst

Presseinformation
verschickt am 22.3.06 (Ausstellung) bzw. 18.4.06 (Vortrag)

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Zum Vortrag "Moderne im Anflug" von Dr. Valerie Hammerbacher am 23.4.:

Im Zusammenhang mit der Ausstellung "Paletten" des Böblinger Künstlers Marinus van Aalst im Alten Rathaus Maichingen hat sich kurzfristig ein neuer Prgrammpunkt ergeben. So wird die Stuttgarter Kunstwissenschaftlerin Dr. Valerie Hammerbacher zur Finissage am 23.4. um 11:30 Uhr einen Vortrag mit dem Titel "Moderne im Anflug" halten und sich - ausgehend vom ehemaligen Empfangsge-bäude des Landesflughafens Stuttgart-Böblingen - mit dem "Neuen Bauen" in Süddeutschland be-schäftigen. Anschließend findet das Künstlergespräch mit Marinus van Aalst statt. Der Eintritt ist frei.

Zum Hintergrund: Der Landesflughafen Stuttgart-Böblingen war Ende der 1920er-Jahre für Württemberg die Schleuse in die Welt. Seit seiner Inbetriebnahme 1925 hatte sich die Zahl der Fluggäste innerhalb von zwei Jahren verdoppelt. London, Brüssel, Moskau, Bukarest und Istanbul wurden ebenso wie die Kurzstreckenziele Frankfurt, Halle, Nürnberg und Zürich angeflogen. Für die Stadt Böblingen, mit damals knapp 8000 Einwohnern, erzeugte die Nutzung des alten Militärflughafens durch die Luftverkehr Württemberg AG (Luwag) wirtschaftliche Impulse. 1926 siedelte sich Hanns Klemms Produktionsfirma von Leichtflugzeugen auf dem Areal an. Die Moderne war nun auch in der Region angekommen.

Der Anstieg der Fluggastzahlen hatte ein ambitioniertes Bauprojekt zur Folge: Die Stadt Stuttgart beschloss den Neubau eines Empfangsgebäudes. Das Architektenduo Bregler und Barthle wurde mit der Realisierung dieser Bauaufgabe betraut. Sie planten ein "Portal zur Welt", das die architektonischen Frage-stellungen des Neuen Bauens in deutlicher Weise vor Augen führt. Doch in welcher Tradition standen die beiden Architekten? Wie zeigen sich am Empfangsgebäude die Merkmale einer Architekturbewegung, die sich als Wegbereiter einer radikal neuen Baukunst verstand und einen Stil entwickelte, der Mobilität, Beschleunigung und technischem Fortschritt angemessen war?

Der Vortrag würdigt die Bedeutung des Empfangsgebäudes für die Böblinger Stadtentwicklung und zeigt, dass Mitte der 1920er-Jahre das "Neue Bauen" bereits eine ausgeprägte Wirkung entfaltet hatte. Durch die anstehende Neunutzung des Flugfeldes erhält das Empfangsgebäude eine wichtige Funktion innerhalb des Stadtbildes: Es ist ein historisches Denkmal gelungener Architektur und verweist auf die Geschichte einer Stadt, welche die Moderne im Rückspiegel, hat.

Zur Ausstellung:

In den nächsten Jahren wird auf dem Gelände des ehemaligen Böblinger Flughafens eine riesige Shopping-Mall mit Büro-Komplex und eventuell Oldtimer-Museum entstehen. Die Spuren der Vergangenheit werden dadurch weitestgehend beseitigt, und die Neugestaltung wird von Investoren bestimmt. Höchste Zeit für eine künstlerische Aufarbeitung der Flugfeld-Geschichte. Marinus van Aalst wird mit seiner Rauminstallation "Paletten" im Alten Mai-chinger Rathaus (Eröffnung: 2.4., 11:30 Uhr, Ausstellung bis 23.4., Sa, So 11-16 Uhr) an vergangene Zeiten erinnern.

Der in Böblingen lebende Künstler hat das Gelände bereits in den Jahren 2000 und 2001 intensiv nach Relikten abgesucht, die aufgrund ihrer sichtbaren Gebrauchsspuren individuelle Geschichten von der einstigen Nutzung, von Krieg und Frieden, von Herrschaft und Zwangsarbeit, von Lust und Leid erzählen. Für Maichingen verlassen diese Exponate erstmals das "Archiv A30" (Marinus van Aalst wohnt in der Achalmstraße 30).

Auf hölzerne, 13 mal 17 Zentimeter große Paletten im Alten Maichinger Rathaus aufgebahrt, changieren die Exponate zwischen transportablem Gemeingut, wissenschaftlicher Dokumentation und individueller Mythologie. Mit verrostetem Draht zum Päckchen gebundene, verwitterte Briefumschläge, Schreibmaschinen-Durchschlagpapiere, durchlöcherte Leinen-Säcke, Rosshaar-Decken und Bruchstücke von Munitionskisten und zerbro-chenen Ziegelsteinen gehen mit den präsentierten persönlichen Gedanken und Erinnerungen von Marinus van Aalst eine poetische Verbindung ein.

An jedem, auf Stahlstiften frei in den Raum ragenden Fundstück ist - wie an offiziellen Fundsachen oder auch an den Toten in der Leichenhalle - ein Schildchen mit den Angaben zum Fundort und dem Funddatum befestigt. Im Gang der Galerie hängen zwischen alte Fensterscheiben eingeschlossene Fotografien der inzwischen abgerissen Gebäude, teils mit Zahlen oder einem roten Kreuz markiert und somit als Todeskandidaten markiert, zum Abriss freigegeben.

Die "ärmlichen" Materialien, die ebenso morbide wie poetische Atmosphäre und die düstere Beleuchtung rufen Erinnerungen an Katakomben, aber auch an Installationen von Christian Boltanski und Joseph Beuys wach. "Ein Kunstwerk muss eine gewisse Undefiniertheit haben, damit jeder daran seine eigene Geschichten, seine eigenen Erinnerungen festmachen kann", steht auf einer Seite aus van Aalsts Notizblock, die vor einem der Exponate hängt. Die Offenheit der Exponate lässt bei den Besuchern eine Vielzahl an Gefühlen und Assozi-ationen zu - abhängig von deren Erfahrungen und momentanen Stimmungen.

Eine besondere, emotionale Aufladung bekommen die Exponate durch die Tatsache, dass Marinus van Aalsts heute 86-jähriger Vater in den Jahren 1942 bis 1945 als Zwangsarbeiter im Böblinger Flughafen arbeitete und somit einen Teil der Exponate theoretisch selbst in der Hand gehalten hat. Das Projekt "Paletten" ist mehrere Jahre im Kopf von Marinus van Aalst gereift. Ausgangspunkt war eine Fotodokumentation und ein vom Künstler bei der Stadt vorgelegtes Nutzungskonzept zur Erhaltung und kulturellen Nutzung der ehemaligen Lager-, Instandsetzungs- und Empfangshallen. "Mich interessiert das Liegengelassene, das Unerkannte, das in seiner Armut eine Schönheit erlangt", ist auf einer anderen Notizblock-Seite zu lesen. Marinus van Aalst Kunst regt nicht nur zum Nachdenken, sondern auch zum Diskutieren an.

Marko Schacher


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