|
Hartmut Landauer
Eröffnungsrede
gehalten am 15.10.06
Erst mal vielen Dank, Herr Pannewitz für die warmen Worte –
und auch das Vertrauen, das Sie mir in den letzten sechs Jahren
entgegengebracht haben. Ich habe die Zusammenarbeit mit Ihnen als
äußerst kreativ und anregend empfunden und habe das menschliche
Miteinander sehr genossen. Danke auch dafür, dass Sie meine
oft auch experimentellen Tätigkeiten stets verteidigt haben.
Tja, wie soll man sich nach sechs Jahren und insgesamt
30 Ausstellungen aus einer Tätigkeit verabschieden, die einem
viel Freude, viel Stress, viele lachende und auch ein paar heulende
Augen beschert hat? Mit einer Reihe von Anekdoten? Mit Pläuschen
aus dem Nähkästchen? Mit der Schilderung der Erfahrung,
wie es ist, bei der Anfertigung einer Eröffnungsrede auf dem
Boden des Ausstellungsraums einzuschlafen und am nächsten Morgen
von der verdutzten Putzfrau geweckt zu werden? Oder mit Einblicken
in die verschiedenen Gattungen des Künstlers? – einer
Spezies, die dazu neigt, Ausstellungen auf den allerletzten Drücker
fertig zu stellen, um den Adrenalinhaushalt aller Beteiligten auf
Vordermann zu bringen. Mit einer Schilderung der High- und Lowlights?
Ich habe mich für ein Gedicht entschieden.
Einige von Ihnen / von euch wissen, dass ich inzwischen bei der
Galerie Schlichtenmaier arbeite. Dort habe ich ein „Pösie“
betiteltes Büchlein mit Gedichten von Ludwig Fricker vor der
Auferstehung als Recycling-Papier gerettet. Eines der Gedichte heißt
„Der Kunstkurator“, das ich gerne vorlesen möchte
– auch als Überleitung zu Timo Brunke, der anschließend,
nach meiner Rede, mit weitaus adäquateren Worten den Reigen
der Poesie-Performance fortführen wird.
Der Kunstkurator
Moderne Kunst, die nicht erbaulich,
ist dadurch häufig unverdaulich.
Todtraurig wirkt sie oft und schwer
und von allem Blute leer.
Es wird geschaltet deshalb vor,
Spezialist Kunstkurator.
Er kleidet Kunst in feine Worte
von der ganz flexiblen Sorte.
Vom Kurator ein gemachter
Experte wird der Kunstbetrachter.
Er lernt, daß seine eignen Augen
bei Kunstbetrachtung nicht viel taugen.
Diktatur als Kunstgenuß
er nun halt verdauen muß.
Entgegen der Aussage dieses Gedichts empfinde ich
mich nicht als Kunstdiktator, sondern als Kunstvermittler, mit Betonung
auf „-vermittler“. Mir war und ist es wichtig, dass
ich die Ausstellungsbesucher nicht mit irgendwelchen „feinen
Worten“, kunsthistorischen Hintergrundswissen, hochtrabenden
Zitaten, Fremdworten oder Vergleichen mit anderen Künstlern
einschüchtere, sondern sie motiviere, auf die Kunst mit offenen
Augen, mit offenen Ohren, mit offenem Hirn zuzugehen. Wenn ich einen
Text schreibe oder eine Eröffnungsrede halte, möchte ich
dem Leser oder Zuhörer allenfalls mögliche Herangehens-Ansätze
präsentieren und ihm keinesfalls eine fertige Interpretation
liefern. Demzufolge mag ich Kunst, die sich nicht eindeutig auflösen
lässt, sondern zwischen verschiedenen Bedeutungsebenen hin
und herpendelt. „Todtraurig, schwer und von allem Blute leer“,
haben Sie die Kunst, die Sie hier gesehen haben, hoffentlich nie
empfunden.
Als letzte, 30. von mir initiierte und kuratierte
Ausstellung habe ich mir selbst und Ihnen ein Sahnebonbon geschenkt,
eine Ausstellung mit Arbeiten von Hartmut Landauer, einem äußerst
kreativen, sensiblen und mindestens doppeltbegabten Künstler,
den ich vor sechs Jahren im Rahmen der Ausstellung „Bereits
bereist" in der Böblinger Galerie contact kennenlernen
durfte.
Hartmut Landauer ist 1966 in Gemmrigheim am Neckar
geboren, hat seine Kindheit aber in Quito (Ecuador) verbracht, wo
seine Eltern als Lehrer ihr Geld verdienten. Insofern verwundert
es nicht, dass seine ersten künstlerischen Arbeiten den in
Ecuador gesehenen poetischen Surrealismus aufgreifen und an Ethno-Malereien
erinnern. Bis Anfang der 90er Jahre bestimmen figürliche Darstellungen
sein Werk. Und dann plötzlich die Wende. Die Menschen scheinen
aus den Werken verschwunden zu sein. Der Betrachter steht vor grauen,
braunen, erdfarbenen geometrischen Flächen.
Wer genauer hinsieht, merkt aber sehr schnell,
dass das Gegenständliche nach wie vor äußerst präsent
ist. Landauers Bildschöpfungen sind abstrakt und erzählen
dennoch eine Geschichte. Die Bilder wimmeln nur so von Spuren menschlicher
Präsenz, erinnern an Luftaufnahmen von Gebäuden und Landschaften,
an mit Furchen, Trampelpfaden und Wegen durchzogene Felder. Landauers
Malereien bilden jedoch keine konkreten, gesehenen, genau benennbaren
Landschaften ab, sie sind aber auch nicht wirklich abstrakt. Es
sind quasi innere, gefühlte, gedachte Landschaften, eben –
wie der Ausstellungstitel sagt – "memory-scapes",
Gedächtnisgemarkungen.
Jedes Bild vereint verschiedene Geschichten in
sich – eine, die nur der Künstler kennt, aber auch eine,
die sich an der Dramaturgie des Bildes, seiner Schöpfungsgeschichte,
seinem prozesshaften Aufbau der Schichtungen und Aufbrechungen unmittelbar
ablesen lässt. Hartmut Landauer hat quasi geschichtete Geschichten
kreiert. Er selbst weiß sehr genau, in welcher Stimmung er
welches Bild gemalt hat, kann sich an die Musik erinnern, die er
während des Malens gehört hat und weiß sogar, ob
er das jeweilige Bild bei Tages- oder Kunstlicht gemalt hat.
Es liegt nahe, die Bilder als bildliche Psychogramme
ihres Schöpfers zu deuten, als visuelle Mindmaps, welche die
labyrinthartige Verworrenheit der Gedankenwege verdeutlichen. Doch
die Arbeiten sind mehr als das! Die Bilder sind vor allem spannende,
ästhetische, poetische Augenkitzel. Das eigentliche Thema ist
die Malerei selbst, ihre Materialität und die Formen, die aus
den Schichtungen der Farbflächen entstehen. Mit zum Bild gehören
auch die Schatten der in die Oberfläche eingegrabenen Furchen,
die das Bild zusätzlich strukturieren. Landauers Großformate
bestehen aus bis zu einem Dutzend übereinander gelegter Schichten
aus Acrylfarbe, in die fein gesiebter Quarzsand gemischt ist. Die
Resultate changieren zwischen Gemälde, Collage und Relief,
bleiben aber – und das ist dem Künstler äußerst
wichtig – immer "Flachware", Bilder an der Wand,
die in ihren Proportionen den Betrachter nicht einschüchtern,
sondern zu einem Dialog auffordern.
Die Bildwerdung beschreibt Hartmut Landauer als
„bedachten Chaotismus“. Zum Entstehungsprozess sagt
er: "Das Bild baut sich ohne Plan oder Konzept beinahe
selbst - wie informelle Malerei, wie Natur: Intuition, Geste, Zeit
und Zufall arbeiten am Werk mit, das sich auch wie eine Spurensuche
lesen lassen kann". Gerade diese Spurensuche macht die
Betrachtung von Landauers Bildern zum Abenteuer. Dabei lassen sich
Spuren des französischen Kubismus’ und der amerikanischen
Farbfeldmalerei entdecken, aber auch Spuren der eigenen Biografie,
Spuren von selbst Gesehenem und selbst Erlebten.
Alle malerischen Arbeiten von Hartmut Landauer entstehen ohne Skizzen
oder Vorstudien, direkt vor der Leinwand. Auch Hartmut Landauers
Polaroids, die hier im Alten Rathaus erstmals öffentlich präsentiert
werden, dienen allenfalls als Inspiration aber nie als direkte Vorlage
für Leinwand-Arbeiten. Auf den Polaroids sind Hausfassaden,
Baustellen, Wellblechhütten, Fußbodenbeläge und
Klingelschilder zu sehen – Momentaufnahmen, die der Künstler
in den letzten neun Jahren in Deutschland (zumeist Stuttgart), Ecuador,
Tschechien und Südspanien geschossen hat. Es sind spektakulär
unspektakuläre, oft ungewöhnlich angeschnittene Aufnahmen
von Zufalls-Patchworks, Ansichten von unfreiwillig oder unbewusst
gestalteten Lebensumgebungen, künstlerisch wertvoll erachtete
Licht- und Schattenspiele, subjektive Momentaufnahmen aus dem Alltag
der jeweiligen Stadt.
Wer genau hinsieht und hinhört, kann Dialoge zwischen den Polaroids
ausmachen. Da spricht die Sitzgruppe einer Autobahnraststätte
mit der befreundeten Eisenbahnschiene und einem Baustellengerüst
über den Tempo-Wahn der heutigen Zeit. Die Buchstaben der Dillmann-Gymnasium-Fassade
nehmen schüchtern Kontakt zu den tschechischen Kollegen von
Josefuv Dul auf. Und das Nachttisch-Arrangement eines Hotels schielt
hinüber zum Alltags-Altar einer Fabrik. Aber auch Kontakte
zu den Großformaten an der Wand werden aufgenommen und intensiviert.
Eine der schwierigsten Aufgaben, mit denen sich Hartmut Landauer
konfrontiert sieht, ist die Entscheidung, wann ein Bild fertig ist.
„Das Beste, das mir passieren kann, ist, dass mir jemand
ein Bild abkauft“, sagt Landauer. „Ansonsten
verändere ich das Bild laufend“. Insofern meine
Bitte an Sie: Bitte helfen Sie dem Künstler, erlösen Sie
ihn von diesem ständigen Überarbeitungswahn, und kaufen
Sie ihm ein Bild ab.
Ja, bleibt mir nur noch mich bei Ihnen zu bedanken, für Ihre
Geduld bei dieser Eröffnungsrede, für Ihr Interesse an
der zeitgenössischen Kunst, für Ihr Interesse an meinem
kuratorischen und an Hartmut Landauers künstlerischem Schaffen.
Vor allem aber möchte ich mich diesmal bei der gesamten Familie
Landauer bedanken, allen voran dem Vater des Künstlers, Gerhard
Landauer, der all diese Polaroid-Displays fabriziert hat - und bei
den Schwestern Jana und Henrika Landauer, die uns gestern mit Rat
und vor allem Tat bei der Aufhängung zur Seite standen. Ich
hoffe, dass Sie die "memoryscapes" von Hartmut Landauer
und eventuell auch mich in guter Erinnerung halten werden. Eine
Möglichkeit, den Abschluss meiner Kuratorentätigkeit für
die Stadt Sindelfingen gebührend zu feiern, bietet sich nächsten
Sonntag, wenn Hartmut Landauer und ich um 11:30 Uhr zum gemeinsamen
"Künstlergespräch" ins Alte Maichinger Rathaus
bitten.
Marko Schacher

>> Home
>> Fenster
schließen |
 |