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Kolpa Abdulrahman
Eröffnungsrede
gehalten am 30.11.03
Ich glaube, ich darf mit Stolz behaupten, dass diese Rauminstallation,
die Sie heute vor sich, neben sich und auch über sich sehen,
etwas ganz Besonderes in meinem bisherigen Ausstellungsprogramm
darstellt. Zum einen hat noch nie ein Künstler so dermaßen
viel eigenes Geld und Lebens- und Arbeitszeit für eine Ausstellung
hier im Alten Rathaus Maichingen investiert wie Kolpa Abdulrahman
(für viele ist das ja immer noch ein entscheidendes Kriterium
für die Beurteilung einer künstlerischen Arbeit). Zu anderen
ist auch die entstandene Raum-Installation, die der Künstler
speziell für den hiesigen Raum konzipiert und verwirklicht
hat, etwas ganz Besonderes.
So kühl, so geometrisch abstrakt war das Innenleben dieses
Fachwerkhauses noch nie. "Schön" ist sicherlich anders.
Gestern hat mir der Künstler anvertraut: "Ich bin niemand,
der Blumen pflückt und denkt, morgen ist die Welt in Ordnung".
Kolpa Addulrahman ist niemand, der an der Staffelei welt entrückte
Form- und Farbvisionen oder liebliche Stillleben auf die Leinwand
bringt, sondern jemand, der mit beiden Beinen im Leben steht und
die gesellschaftlichen Geschehnisse um ihn herum sehr genau beobachtet,
analysiert und verarbeitet.
Ausgangspunkt für die hiesige Rauminstallation, die nicht umsonst
den zweideutigen Titel "Reflektionen" trägt, war
eine nächtliche Erkundung des Stuttgarter Westens. Hierbei
fielen Kolpa Abdulrahman die sich in den Fensterscheiben der Häuser
reflektierenden künstlichen Lichter auf, öffentlich sichtbare
Zeugen des allabendlichen Fernsehkonsums. Als zeitgenössisches
Götzenbild scheint der Fernsehapparat längst religiöse
Andachtsbilder ersetzt zu haben. Dass die Skulptur, die nach diesem
Erlebnis entstanden ist, in ihrer selbstbewussten archaischen Form
tatsächlich an eine Art Denkmal erinnert, verwundert daher
nicht.
Die sechs Kästen, aus denen die Skulptur besteht, erinnern
gleichzeitig an schick designte Fernsehapparate oder Regale, an
Minimal-Art-Skulpturen á la Donald Judd und an ein mannshohes
Modell eines futuristisch-kubistischen Wohnhaus-Betonbunkers. An
der dahinterliegenden, silbern schimmernden Wand sind die Reflektionen
der im Innern der Skulptur versteckten TV-Monitore zu sehen. Das
heißt: Die ausgestrahlten Informationen der Fernseh-Sender
sind, wie auch das äußere Erscheinungsbild der Skulptur
in erheblichem Maße reduziert.
Doch seien wir mal ehrlich: Was bleibt denn nach einem ausgedehnten,
mehr oder weniger zufälligem TV-Zapping tatsächlich in
unserem Kopf hängen? Ist es nicht tatsächlich dieser Farbrausch,
der als Resultat des Allovers der Reize in unserem Hirn hängen
bleibt? Auf den TV-Monitoren laufen übrigens ein vom Künstler
farblich bearbeiteter Spielfilm (links) bzw. eine 1:1-Dokumumentation
eines nächtlichen Zappens durch die verschiedenen TV-Sender
- done by the artist himself.
Doch diese Information ist gar nicht so wichtig. Es kommt weniger
auf die konkreten TV-Bilder als auf die Reflektionen an, auf die
Reflektionen der Bilder an der dahinter stehenden Skulptur, welche
die Umrisse der vorderen Skulptur wieder aufnimmt, aber auch auf
die Reflektionen von Ihnen, in Ihrem Kopf. Dazu müssen Sie
die auf dem Boden angebrachte Markierung, die sozusagen die Grenze
zwischen Bühne und Backstage-Bereich darstellt, aber nicht
übertreten. Reduzieren Sie hier bitte bewusst Ihren Aktionsraum.
Apropos "Reduktion". Ich habe dieses Wort bereits zweimal
benutzt. In der Tat ist die Reduktion der Informationen ein wichtiger
Aspekt in allen bisherigen Arbeiten von Kolpa Abdulrahman. Auch
die Informationen, die Ihnen auf und mit der Leuchtreklame-Skulptur
im Eingangsbereich regelrecht entgegenkommen bzw. entgegenstrahlen,
sind auf wenige Farbflächen reduziert. Beim näheren Hinschauen
offenbart sich das zunächst abstrakt wirkende Erscheinungsbild
als Piktogramm einer Hausfassade (mit Tür und Fenster) - und
damit - wie ich finde - als mögliches Logo der Galerie.
Auch die im DIN A1-Format ausgedruckten Filmstills zeigen eine sehr
reduzierte Architektur. Durch das installierte Schwarzlicht wird
der abschreckende Charakter des darauf dargestellten menschenleeren
Labyrinths noch verstärkt. "Wir leben in einer Welt
voller Absurditäten" - auch das ist ein Zitat des
Künstlers.
Insofern ist das künstlich geschaffene Labyrinth,
das gleichzeitig auf diesen drei Monitoren abläuft (übrigens
basierend auf einem offiziellen Windows-Bildschirmschoner), Sinnbild
für den Irrgarten des Lebens. Wo ist oben? Wo ist unten? Wo
ist das Ziel? Wie in einem Computerspiel irrt der Betrachter durch
verschiedene, hier aber menschenleere Sackgassen auf der Suche nach
dem Sinn des Lebens oder zumindest Erlebens.
Der Aufforderungscharakter der Arbeit wird durch drei bläulich
schimmernde Lampen verstärkt, die gleichermaßen an Verhörsituationen
bei der Polizei wie an die Blaulichter unserer "Freunde und
Helfer" erinnern. Während die drei Fernseher durchaus
ihre eigene Individualität haben, erscheint die auf ihren TV-Schirmen
ablaufende Architektur als völlig ent-individualisiert. Auch
die als Raumteiler fungierenden weiteren Objekte tragen keine Spuren
der Individualität, sondern wirken sehr steril, bzw. schon
fast ungesund (wenn man vor der grellgelben Seite steht). Die Betrachter
spiegeln sich nur ganz matt, undeutlich und geheimnisvoll in der
silbernen Seite wieder.
Als visuelle Stolpersteine verlangsamen die wandartigen Objekte
und Stelen den Blick des Besuchers und motivieren ihn zum aufmerksamen
visuellen Abtasten der Räumlichkeiten (bitte auch wirklich
nur visuell abtasten und nicht berühren, die Farben sind sehr
empfindlich). Als skulpturale Malerei akzentuieren sie die Raumwahrnehmung.
Abdulrahmans Gegenstände - mit Betonung auf "Gegen"
- demonstrieren die Poetisierung der Architektur und brechen die
Hermetik des nur 37 Quadratmeter großen Ausstellungsraumes
auf.
In ihrer Gesamtheit stellt die Rauminstallation eine Art dreidimensionales,
in sich schlüssig komponiertes abstraktes Gemälde dar.
Die Installation lässt sich nur schwerlich auseinander dividieren.
Wo endet das eine Kunstwerk, und wo beginnt das andere? Und wo sind
überhaupt die Grenzen zwischen Installation und Raum? Noch
viel deutlicher als bei den vergangenen Installationen wird der
Umraum in die Installation miteinbezogen und verschmilzt mit den
Exponaten zu einer Art architektonischem Gesamtkunstwerk. Irritationen
gehören zum Programm. Ist das eine Stele oder ein Sockel, eine
Skulptur oder ein Raumteiler, eine Ausstellung oder eine Baustelle?
Aufgrund ihrer geometrischen Sterilität stellt die Rauminstallation
einen anregenden Kontrast zur romantischen Fachwerk-Atmosphäre
des Alten Rathauses dar. Ich bin mir ganz sicher, dass ein großer
Teil von Ihnen (Betonung auf "großer") etwas von
dieser Ausstellung mit nach Hause nimmt, und wenn es auch nur eine
Beule ist, die sie sich an der Leuchtreklame-Skulptur draußen
im Gang zugezogen haben (so wie ich gestern Abend).
Marko Schacher

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